November 5th, 2020

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Greifswald

– Am Wochenende hielt eine Brandserie die Hanse- und Universitätsstadt in Atem. Die Polizei konnte den Fall schnell lösen. Noch schneller war Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (54, Grüne). Er war mit einem ausländerfeindlichen Verdacht vorgeprescht, der sich kurz darauf als komplett falsch erwies.

Am letzten Samstag hatte in Greifswald zunächst ein Auto gebrannt, ein weiteres Fahrzeug wurde beschädigt. An der Windschutzscheibe hing ein Zettel mit einem aufgemalten Hakenkreuz. Die Halter der Fahrzeuge: Syrer.

Am Montag loderten dann in der Kleingartenanlage „Am Kleinbahnhof“, unweit des ersten Tatortes, zwei Lauben. Die Eigentümer: zwei andere Syrer (52, 56). Die Datschen fackelten ab. Rund 20 000 Euro Schaden. Und: In beiden Parzellen fand die Kripo ebenfalls Zettel mit Hakenkreuzen.

Gleich am Vormittag meldete sich Oberbürgermeister Fassbinder zu Wort: „Ich bin entsetzt über diesen Anschlag, der unserer ganzen weltoffenen und toleranten Stadt gilt“, sagte der Grünen-Politiker. Gerade Kleingartenanlagen seien Orte von Erholung, Frieden und Integration. Es werde von einer politisch motivierten Tat ausgegangen.

Er hätte die Ermittlungen abwarten sollen, denn schon am Abend musste Fassbinder per Pressemitteilung zurückrudern: „Wie das Polizeipräsidium Neubrandenburg mitteilte, bestätigte sich die vermeintliche Spur nicht. Vielmehr sei ein ägyptischer Tatverdächtiger ermittelt worden."

In der Tat! Ein 42-jähriger Asylbewerber aus Ägypten, der seit 2018 bereits mehrfach wegen Raubes und Körperverletzung in Erscheinung getreten ist, hatte die Brände gelegt. Er wurde in der Kleingartenanlage festgenommen. Der Staatsschutz habe bei ihm Beweismittel festgestellt, die den Tatverdacht erhärteten, so Polizeisprecherin Claudia Tupeit.

Eine Einordnung in die Rubrik rechte Gewalt schließen wir aus," stellt Tupeit noch einmal klar. Kritisch merkt die Polizeisprecherin an: Die vom Oberbürgermeister in den Raum gestellte Vermutung sei voreilig gewesen!

Weil der Ägypter „psychisch auffällig“ sein soll, beantragte die Staatsanwaltschaft für den Mann keinen Haftbefehl, sondern einen Unterbringungsbefehl für eine geschlossene Klinik.

Der Antrag wurde am Dienstagabend vom zuständigen Richter am Amtsgericht Greifswald abgelehnt. „Der Tatverdächtige ist somit wieder auf freiem Fuß“, so die Polizei. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die Entscheidung am Mittwoch Beschwerde einlegt.