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1904

verwalteten 280 deutsche und 50 eingeborene Beamte das gesamte Deutsch-Ostafrika, eine Kolonie, in der acht Millionen Afrikaner lebten und die fast doppelt so groß wie das Deutsche Kaiserreich war (natürlich hat man vielerorts die Existenz einer Kolonialmacht überhaupt nicht bemerkt). Bis 1913 stieg die Zahl der Beamten auf 737. Die Militärpräsenz war vergleichbar niedrig: 1913 befehligten 68 Offiziere 134 deutsche und 2472 einheimische Soldaten. In Deutsch-Kamerun waren 1913 66 Offiziere und 118 Soldaten stationiert, ergänzt um 1650 einheimische Soldaten und 1000 einheimische Polizisten.

Die deutschen Kolonisatoren brachten den Fortschritt. Sie erschlossen Land, bauten Straßen, Bahnlinien, Häfen, Krankenhäuser und Schulen, errichteten stabile Verwaltungen und bildeten einheimische Beamte aus. Zwischen 1894 und 1913 verdreifachte sich der landwirtschaftliche Umsatz in Deutsch-Ostafrika. Die 1250 Kilometer lange Bahnlinie vom Tanganyika-See nach Dar-es-Salaam ist noch heute eine wirtschaftliche Hauptachse in Tansania und die Verbindung nach Sambia. In Kamerun wurden bis 1913 beinahe 600 Kakaoplantagen gegründet; außerdem ließen die Deutschen Gummiplantagen anlegen, um die wilde Ernte von Gummibäumen zu beenden. Gummi- und Kakaoexport wurden zur Haupteinnahmequelle von Deutsch-Kamerun. Es bildete sich eine schwarze Mittelklasse aus Produzenten und Händlern. In Togoland, dessen Transportsystem zuvor aus Trägern und Einbaumpaddlern bestand, errichteten die Deutschen 1000 Kilometer Straßen, drei Eisenbahnlinien und einen Hafen in Lomé.

In Deutsch-Ostafrika eröffnete die Kolonialverwaltung von 1902 bis 1914 99 öffentliche Schulen und 1800 Missionarsschulen. Vergleichbares vollzog sich in den anderen Kolonien. Das war ein für die damalige Zeit außergewöhnliches Investment einer Kolonialverwaltung in die Bildung und die geistigen Fähigkeiten eines Untertanenvolkes (man begreift, warum Hitler ein Gegner des Kolonialismus alter Prägung war). „Die Deutschen haben Wunder vollbracht”, hieß es in einem Bericht der Briten von 1924 über die Bildungspolitik in den Kolonien.

Der Missionar Ernst Bürgi veröffentlichte zwanzig Bücher über das Land und die Sprache der Ewe, womit er „mehr zur Vereinheitlichung der Dialekte der Ewe-Sprecher in Togo und Ghana beigetragen als jeder andere”, wie ein Historiker konstatierte. 1896 erließ der Ostafrika-Gouverneur Herman von Wissman Gesetze, um die Wilderei auf Elefanten zu verbieten und die ersten Reservate zu schaffen. Der Naturkundler Carl Georg Schillings schlug die Errichtung von Naturschutzparks vor; die heutige Serengeti ist ein Resultat dieser Bestrebungen.

Im Jahr 1898 pachtete das Kaiserreich die nordchinesische Hafenstadt Quingdao auf 99 Jahre. Modernisierer aus ganz China besuchten die Musterkolonie („das deutsche Hongkong”). Chinesische Provinzgouverneure lobten die deutsche Verwaltung und kopierten deren Methoden. Das gewöhnliche Volk wanderte in Scharen ein. Der erste Präsident des modernen China, Sun Yat-Sen, erklärte: „In dreitausend Jahren hat China in Quingdao nicht geschafft, was die Deutschen in fünfzehn Jahren geschafft haben.”

Den Kolonialhaushalt, den der Reichstag 1914 verabschiedete und der umfassende Reformen für die medizinische Versorgung, die Ausbildung, die Eigentumsrechte, die Mindestlöhne und Arbeitszeitbegrenzungen der Einheimischen vorsah, nannte der Historiker Woodruff D. Smith in seinem Buch „The German Colonial Empire” (1978) „die umfassendste Erklärung einer Kolonialmacht über ihre selbstauferlegte Verantwortung gegenüber den Kolonialvölkern und der Begrenzung der Kolonialmacht”.
Tags: deutsch
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